EN
NL

Zum Lachen in den Bahnhof gehen
Das Haus der Kulturen sorgt für Entschleunigung
2011:Dec // Conny Becker

Kunstherbst. Auch wenn diesmal das fehlende Art Forum die To-do-Liste etwas entschlackte, überkam mich schon Anfang der Woche eine schlechte Laune angesichts des bevorstehenden Kunstmarkthorrors. Mittwoch: abc, Donnerstag: Preview und Preis, dann vielleicht noch Liste und Kunstsalon und Freitag: Galerieeröffnungsoverkill. Also begann ich meinen Kunstherbst schon am Dienstag – und fand bei „Meridian | Urban“ die Antithese zu Kunst und Kommerz und dem ewigen Sehen und Gesehenwerden.

Zur Eröffnung der vom Haus der Kulturen der Welt initiierten „curatorial projects on health“ (so der Untertitel) fand sich um 15 Uhr eine (leider allzu) kleine Gruppe Interessierter an der M2-Endhaltestelle Dircksenstraße/Alexanderplatz ein. Alle Projekte, die fünf Nachwuchskuratoren im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen realisierten, wurden nämlich im öffentlichen Raum präsentiert, das heißt Meridiane auf beiden Sinnebenen – sowohl als Energielinien im Körper, gemäß der traditionellen chinesischen Medizin, als auch als geografische Linien der Kartografie verstanden. Und auch wenn eine in ein Biotop verwandelte Straßenbahn dem versierten Kunstpublikum zu kurz gegriffen erscheinen mag, so kann die Idee im Kontext einer Galeria-Kaufhof- oder gar Alexa-Welt sicherlich zum Nachdenken über Urbanität, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Konsum und nachhaltigem Handeln sowie Schnelllebigkeit und Entschleunigung anregen.

Letztere vermochte „Meridian | Urban“ geradezu idealiter zu generieren beziehungsweise forderte sie schlichtweg ein. Denn um zur nächsten Installation zu gelangen, musste man ganze 40 Minuten S- und U-Bahn fahren, lernte dabei die an den Projekten Beteiligten ebenso kennen wie schließlich das (sonnige) Ufer „Am Spreebord“ nebst der Charlottenburger Caprivibrücke und hatte – einmal auf die Tour eingelassen – der Hektik des Alltags abgesagt. Ebenso wie das ver-rückte Zeitempfinden mutete auch das von Manuela Lietti kuratierte Projekt „InnerScapes“ auf dem grünen Uferstreifen surreal-verfremdet an: An dieser Stelle überdimensioniert beziehungsweise fehlplaziert wirkende, freistehende Plakatwände trugen nicht die übliche Werbung, sondern waren mit Fotografien von Marike Schuurman plakatiert, die ältere Chinesen bei ihrer Gymnastik in Pekinger Parks zeigen. Die in Berlin lebende Künstlerin hat sich schon vor Jahren mit dem (hier plötzlich sehr prominenten) ‘ema der großformatigen Plakate beschäftigt, die im besten Fall – und das interessierte Schuurman – auch einen Illusionscharakter aufwiesen (Fassadenplakat an der Schinkelschen Bau-Akademie etc.).

Ähnliche Wirklichkeitsbrüche oder Überlagerungen verschiedener Realitäten bewirken auch Schuurmans eigene „Plakate“. Doch schon ihre Motive erscheinen merkwürdig entrückt. Denn an den Bäumen hängen verlassene Handtaschen und Kleidungsstücke gleich Blättern oder Früchten und die geradezu schlafwandlerisch anmutenden Alten (die Künstlerin nennt sie auch „Gespenster“) benutzen Stämme und Äste als ihre Trainingspartner. Genau diese in den Arbeiten sichtbar werdende Symbiose aus Mensch und Natur ist das Ziel der Alten, entsprechend der chinesischen Überzeugung, dass eine intime Verbindung zwischen der äußeren Welt der Natur und der inneren Welt des Individuums besteht.
Diese Rückbesinnung, die eine innere Ruhe, ein Zufriedensein mit sich selbst bedeutet – worauf offenbar der Titel „InnerScapes“ anspielt –, wird auch in China zunehmend seltener, vor allem in den boomenden Citys. Ein Symptom dafür mag auch das Auftreten von Massagegeräten in chinesischen Städten sein, Geräte, die überlieferte Übungen mit modernen technischen Werkzeugen möglich, gleichzeitig aber auch einen entsprechenden Masseur überflüssig machen.

Diese wie eine Mischung aus Industriekultur-Relikt, futuristischem Fantasiegebilde und einer Ästhetik der typischen Skulptur im öffentlichen Raum wirkenden Stahlgeräte haben auch Manuela Lietti und Marike Schuurman in China fasziniert, sodass sie diese in ihr Projekt integrierten. Allerdings nicht die chinesischen Originalartikel, da sie in kleiner Stückzahl nur schwer zu importieren waren, sondern Kopien einer Hamburger Firma, die die Geräte an die Körpergröße und den vermeintlichen Farbgeschmack der Deutschen angepasst hat und als Fitnessgeräte für Bewegungsparks vertreibt, womit das Projekt noch eine zusätzliche ironische Volte erhielt – denn dass die Chinesen deutsche Ingenieursleistungen kopieren, ist ja hinlänglich bekannt, allerspätestens seit Oliver Larics Beitrag zu „Based in Berlin“.

An der Spree bildeten die TÜV-geprüften (!) Geräte als zunächst undefinierbare Fremdkörper eine weitere, dreidimensionale Ebene der Verfremdung. Nach der anfänglichen Irritation erwiesen sie sich jedoch als wohltuendes Rücken-Massagegerät oder als ein Schultertrainer, der mittels Drehscheiben nicht nur die Beweglichkeit der Schultern fördert, sondern aufgrund einer genoppten Oberfläche auch die Hände massiert und letztlich gestaute Energien freisetzen können soll. Die Teilnehmer des Eröffnungsrundgangs waren jedenfalls von den vier Geräten sehr angetan, probierten alles aus und genossen ferner eine Ruhe vermittelnde Tai-Chi-Performance. Nach Ende des nur zehn Tage dauernden Projekts bedauerten nach Auskunft Schuurmans offenbar auch die Anwohner des sogenannten „Vattenfall-Ufers“ den Wegfall des lieb gewonnenen Kunstprojekts. Es wäre wirklich zu wünschen, dass diese intelligente Installation, die ästhetisch, intellektuell und zudem noch partizipatorisch funktionierte, künftig von Uferanrainer Vattenfall angekauft würde und damit der Stadt erhalten bliebe.

Die angenehme Entspanntheit beim nachmittäglichen Eröffnungsparcours hatte zur Folge, letztlich nicht alle Projekte gesehen haben zu können. Hatten wir uns zu viel Zeit genommen? Nein, nur gerade genug. Denn genau dies forderten die Arbeiten schließlich: Sich die nötige Ruhe zu nehmen, um den Dingen (sei es die Kunst oder der eigene Körper) bewusst zu begegnen, sie zu erfahren und schätzen zu können – anstatt wie auf der Messe 1000 Objekte nur mit einem halben Blick zu scannen, ständig im Multitasking Aufgaben parallel und somit oberflächlicher zu erledigen, vom Leben verschluckt zu werden, ohne es zu merken. Denn ist es nicht so, dass wir uns die Zeit für uns und unseren Körper – sei es bei Yoga, Pilates oder im Fitnesszentrum – nur gönnen und nur vor uns rechtfertigen können, wenn wir dafür zahlen? Klar definierte Entspannungszeit in der Leistungsgesellschaft gegen 5 bis 15 Euro die Stunde und Sonderpreis beim Zehnerabo.

Diese Frage warf auch das letzte Projekt auf dem Rückweg zum Haus der Kulturen auf – das „Berlin Laughter Project“, das täglich zu einem anderen Knotenpunkt Berlins wechselte und seinen Anfang am Hauptbahnhof nahm. Ebenfalls ein Projekt, auf das man sich – vermutlich gerade als Kunstinteressierte/r – zunächst einlassen musste. Denn die Performance vor Ort vollzogen keine Künstler, sondern Laien, genauer Lachyoga-Lehrer und Freiwillige aus Berlin, die zunächst sich selbst, dann Passanten anlachten und nach kurzer Zeit tatsächlich jeden ansteckten. Ein heiterer Abschluss eines angenehm unaufgeregten Nachmittags, aber doch ein erschreckendes Symptom unserer Zeit: dass es Lachyoga-Kurse braucht und wissenschaftliche Studien, die uns den positiven Effekt von Lachen auf Körper und Geist belegen.

©2006-2010 vonhundert | 12-2011

Text als PDF