Erschienen im Katalog 'Welt-Bilder 6, zu der Ausstellung Welt-Bilder 6, Helmhaus Zürich
10-12-15 bis 21-02-16

Marike Schuurman

Innert kürzester Zeit hat sich das Gesicht der Metropole
grundlegend verändert: Über 15 000 Werbeflächen mussten
in São Paulo abmontiert oder übermalt werden. Gerade mal
drei Monate hatten die Unternehmen Zeit, sich den vom
neuen Bürgermeister erlassenen Vorschriften anzupassen.
«Lei Cidade Limpa», das «Gesetz für eine saubere Stadt»,
trat 2007 in Kraft und verbietet seither in der grössten Stadt
Südamerikas jegliche Art von Aussenwerbung. Wo zuvor
das brasilianische Supermodel Gisele Bündchen und ihre
Kolleginnen auf riesigen Plakaten und Leuchtreklamen für
Hautcrèmes, Handtaschen oder Unterwäsche geworben hatten,
kamen plötzlich heruntergekommene Hausmauern und
Eisenskelette einstiger Werbetafeln zum Vorschein – eine
nackte Stadt ohne Make-up.
Die Frage, wie sich das Bild einer Stadt durch die Verbannung
jeglicher Art von Werbung verändert, veranlasste
Marike Schuurman 2009 dazu, für einen längeren Arbeitsaufenthalt
nach São Paulo zu reisen. In ihrem künstlerischen
Schaffen hatte sie sich immer wieder mit dem urbanen
Raum auseinandergesetzt – so etwa in ihrer 2005 – 2009 entstandenen
Werkgruppe Plots, in der sich die Fotografin mit
jenen Werbeplanen beschäftigte, die von städtischen Baustellen
nicht mehr wegzudenken sind. Diese an Bauzäunen
und Baugerüsten angebrachten riesenhaften Plots prägen
die Wahrnehmung eines Stadtbildes in unterschiedlicher
Weise. Waren es in Berlin oft architektonische Ansichten, die
eine intakte Gebäudezeile simulieren sollten, versperrten in
Peking idyllische Naturvisionen die Sicht auf die Baustellen
und deren trostlose Realität. Auf diesen Bildern werden die
Grenzen zwischen gebauter Realität und Simulation verwischt,
der Blick verfängt sich in räumlicher Orientierungslosigkeit.
Gleichzeitig befragt Marike Schuurman das Medium
Fotografie und dessen Möglichkeiten, Realitätsebenen
zu durchdringen und etwas zu zeigen, was ohne Kamera
nicht ins Bewusstsein gelangen könnte.
In São Paulo war die zentrale Frage evident: Wie kann auf
Fotografien etwas in den Fokus gerückt werden, das gar
nicht mehr da ist? Seit dem Werbeverbot sind überall Hauswände
mit weiss übertünchten Flächen zu sehen, die aber, im
Gegensatz zum perfekten Photoshop-Mausklick, ihre alten
Spuren oft noch durchschimmern lassen. Marike Schuurman
betitelt ihre in São Paulo entstandene Serie mit Deleted. Beim
Betrachten dieser Werkserie fällt die fehlende Werbung zunächst
gar nicht so auf, weil etwas anderes den allgemeinen
Erwartungen an Fotografien eines Stadtraums fundamental
widerspricht: Auf den breiten Strassen sind keine Autos zu
sehen, keine sich mühsam vorwärtswälzende Verkehrslawine,
sondern bloss ein paar Menschen in Freizeitkleidung.
Der Minhocão, der grosse Wurm, wie diese vierspurige
Schnellstrasse von den Einheimischen genannt wird, durchschneidet
Stadtviertel in seltener städtebaulicher Brutalität.
Auf dieser Autobahn, die einst als Alternative zu den chronisch
verstopften Strassen der Innenstadt gedacht war,
quälen sich täglich weit über 100 000 Autos. Die reiche
Oberschicht ist schon längst auf den Helikopter als Nahtransportmittel
umgestiegen. Die auf Pfeilern rücksichtslos durch
die Wohnquartiere gelegte Strasse bedeutet für die Anwohner
eine extreme Lärm- und Schmutzbelastung. Auf Druck
der Bevölkerung wird der Minhocao daher seit vielen Jahren
jeweils nachts und sonntags für den gesamten Verkehr
gesperrt. Marike Schuurmans Bildgruppe Deleted belegt,
wie dieser freie Raum dann von den Menschen für einige
Stunden in Besitz genommen wird – als Fussgänger, Skater,
Jogger, man legt sich an die Sonne oder liest am Strassenrand
selbstvergessen ein Buch (Seite 137).
Auf Schuurmans Bildern potenziert sich die Leere und breitet
sich eine eigenartige Stille aus. Der Verkehr ruht – und
von Fassaden und Strassenecken wird nicht permanent geschrien
und um Aufmerksamkeit gebuhlt. Weil der Blick
nicht an glatten, glänzenden Oberflächen abprallt, bekommt
die Stadt überhaupt ein Gesicht. Hässliche, bröckelnde Fassaden
gehören genauso dazu wie vereinzelte architektonische
Perlen und interessante Gebäudekonstellationen. Eine
abblätternde, graue Hausmauer wird zur Projektionsfläche,
frei stehende Eisengerüste scheinen nur noch für den blauen
Himmel zu werben.
Selbstverständlich musste sich die Werbeindustrie neue
Tricks einfallen lassen, um ihre Botschaften in São Paulo
trotzdem in den öffentlichen Raum zu tragen. So gibt es
beispielsweise als Märchenfiguren verkleidete Personen,
die mit kurzen Performances als mobile Werbeträger für
irgendwelche Firmen fungieren. Einer anderen Form angepasster
Werbung widmet sich Schuurman in der parallel zu
Deleted entstandenen Werkreihe Gold (Seiten 135 ff.). Zu
sehen sind Männer mit angehängten Werbeplakaten, die als
menschliche Plakatsäulen auf Pfandleihhäuser hinweisen,
wo Gold oder Schmuck gegen Bargeld eingetauscht werden
kann. Marike Schuurman fotografierte diese Männer respektvoll
und ohne ihre Gesichter zu zeigen. Mitten im geschäftigen
Treiben der Innenstadt wirken sie wie abwesend,
seltsam isoliert und ohne jegliche Interaktion. Auch in den
Bildern dieser Werkgruppe breitet sich eine stille Leere
aus – doch ein einzelner Schrei ist hier unüberhörbar.
Andreas Fiedler

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