Zur Ausstellung 'SOS, the presence of absence' in Nationalmuseum Berlin

Nicht erst die digitale Speicherung hat den Abbildungscharakter des fotografischen
Bildes in Frage gestellt. Vielfältige Manipulationen waren schon vorher möglich. So
wurden Geisterscheinungen suggeriert oder in Ungnade gefallene Politiker
verschwanden aus offiziellen Parteifotos. Und ein Fotograf wählt stets aus, auf was er
die Kamera richtet und was er nicht mit ins Bild nimmt. Was man nicht sieht, ist vielleicht
entscheidender als das, was man sieht, und was scheinbar anwesend ist, verweist
gleichzeitig auf seine Abwesenheit.
Das vielfältige Spiel mit An- und Abwesenheit, mit Kalkül und Zufall prägt die Fotografien
aller drei in SOS, presence of absence vertretenen Künstler/innen.
So zeigt Marike Schuurmans Serie Automat das Innere der Kabinen, in denen man
gegen geringes Entgeld traditionell Pass- und andere Fotos machen lassen konnte, die
dann nach einer gewissen Entwicklungszeit aus einem Schlitz außen herauskamen. Mit
einer Polaroidkamera – was dem in den Fotoautomaten angewandten Verfahren
entspricht – fotografierte die Künstlerin die Drehhocker, auf denen man für die Fotos
sitzt, in den verschiedenen Höhen, die man je nach Körpergröße einstellen muss, um
richtig im Bild zu sein.
Marike Schuurman zeigt uns jedoch nicht die Polaroidbilder, sondern sie hat die
Negative, von denen man die Bilder abzieht, gebleicht und von ihnen stark vergrößerte
Bilder hergestellt. Anders als bei üblichen Negativen oder digitalen Dateien werden
dabei weder Körnung noch Pixel sichtbar, weil lediglich eine chemische Emulsion
zugrunde liegt. Die Bildschärfe und verfremdete Farbskala lässt die Fotos automatisch
so erscheinen, als wären sie in den 1960er und 1970er Jahren entstanden. Der Blick in
den Fotoautomaten wird also zu einem Blick ins fotografische Labor, zu einer Reflexion
darüber, wie der Herstellungsprozess eines Fotos für das, was wir als Betrachter sehen,
entscheidender ist als das Motiv selber.
Dies gilt auch für die Serie Tiergarten von Johannes Schwartz. Oft können wir die
ausschnitthaft fotografierten Objekte kaum identifizieren. Es sind Obstkisten,
Fleischstücke, vielleicht Impressionen aus einem Wochenmarkt oder einem
Schlachthof? Erst der Titel der Serie verweist auf den nicht sichtbaren Kontext, denn es
handelt sich um die Wildtiernahrung, welche die im Moskauer Zoo domestizierten Tiere
zu essen bekommen. Man könnte von einem Blick hinter die Kulissen sprechen, den die
normalen Zoobesucher nicht erhalten, der jedoch zusätzlich durch malerische
Farbverfremdungen bis zur Unkenntlichkeit überblendet wird.
Auch unter Einbeziehung des Zufalls bei der Herstellung der Prints unterlaufen
Schwartz’ Bilder gleichwohl systematisch übliche technische Standards
dokumentarischer Fotografie. Diese Standards sind bei Hester Oerlemans präzise
erfüllt, stattdessen fallen die fotografierten Gegenstände aus der Form. Für die
Ausstellung Link-o-loon im Kunstverein Diepenheim hat die Künstlerin bekannte
Designerstühle von Thonet, Eames oder Mart Stam aus Ballonmaterial nachgebildet,
doch nach 3-4 Wochen war die Luft weitgehend entwichen. Hester Oerlemans’
nüchtern-sachlichen Fotos suggerieren ein präzises Arrangement, zeigen jedoch die in
sich zusammengesunkenen Luftballonobjekte genau in dem vorgefundenen Zustand, in
dem sie sich zufällig befunden haben. Dass es einmal Stuhlformen waren, ist kaum
noch erkennbar, eher entstehen Assoziationen an medizinische Geräte oder an
Schalentiere.
Auch wenn die Manipulation hier nicht das fotografische Bild direkt betrifft, steht sein
Abbildungscharakter genauso in Frage. Denn entscheidend ist nicht, was das Foto
faktisch zeigt, sondern was es in den Köpfen der Betrachter auslöst.

Ludwig Seyfarth

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