Retina SX-70

2009 setzte sich die Fotografin Marike Schuurman in ein Flugzeug nach São Paulo. Als erste Stadt der Welt hatte diese 2007 Werbung im öffentlichen Raum verboten, und die Metropole lag nun als eine entkleidete Betonstadt da, eine Art urbanes Biotop, in dem selbst Ladenschilder kleiner Geschäfte entfernt worden waren. Früher hatte Schuurman in poetisch-realistischen Arbeiten den Gebrauch von Werbeplanen vor allem in Berlin und Beijing dokumentiert. In Brasilien löste jeder Klick mit der SX-70 Polaroidkamera jedoch nur ein abstraktes Bild nach dem anderen aus, eine Reihe auslaufender Farblandschaften ohne jeden Bezug zu dem, worauf die Kamera gerichtet war. Als würde die alte Linse und der längst verfallene Film – einer der letzten auftreibbaren für dieses vom Aussterben bedrohte Medium – mit Aussicht auf eine ganze Stadt ohne visuelles Rauschen und Anhaltspunkte vom endgültigen Blackout getroffen werden.
Die zerfließenden, farbenprächtigen Bilder, von der Zeit zerstört und in der Chemie der Instant-Kamera getränkt, sind rätselhafte Kommentare zu ihrem eigenen Verschwinden. Zum Großformat aufgeblasen, haben sie dank des fehlenden Filmkorns in Polaroids ihre glatte Tiefe bewahrt; nur Staubkörner traten während des Einscannens auf, die Schuurman danach mittels Photoshop wegretuschierte und als eine Art Extrakt in den ergänzenden Dust-Bildern präsentiert. Ansonsten tragen die Polaroids wenige Spuren von dem, was normalerweise die Fotografie charakterisiert: Kein Abdruck von Raum und Zeit, keine Inszenierung. „Time Zero“ heißt der verwendete Film, als würde er von Anfang an seinen eigenen Nullpunkt verkünden.
Anfang des 19. Jahrhundert verkündete man bereits den Nullpunkt des menschlichen Auges. Die Einführung von Gaslicht in den Städten wurde als eine Bedrohung des Gesichtssinns erlebt, wie Virilio in Die Sehmaschine beschrieben hat. So dachte man, dass das Auge seine Anpassungsfähigkeit verlöre, dass es überbelichtet würde. Zur gleichen Zeit fand auch die Geburt der Fotografie statt: Ein künstliches Auge, das das menschliche ergänzte und den Blick für ewig festhalten konnte. Von Anfang an ist die Geschichte der Fotografie eine Geschichte der Beschleunigung von Belichtungszeit und Aufnahmekapazität. Mit der Steigerung des Bilderstroms kommt das Auge heute tatsächlich nicht mehr mit, die Erinnerung wird zunehmend auf Harddisks verlagert und zu einer logistischen Frage der Indexsuche. In dem Zusammenhang wirkt Schuurmans Expired-Serie fast wie ein Kurzschluss. Die Kamera macht weiter, aber was zu sehen ist, synthetisch verzerrt, erinnert am meisten an Abzüge einer Retina, die nicht mehr imstande ist, Bilder wahrzunehmen und Impulse ans Gehirn zu leiten. Ein Apparat mit Amnesie, in dessen Inneren die Chemie Amok läuft. In diesem regressiven Zustand beginnt dann aber auch die Regeneration: Neue Farben blühen auf, eine unerwartete Ästhetik kommt aus dem Gerät heraus. Auch São Paulo könnte an einen solchen Zustand erinnern. Eine nackte Stadt, in der der Blick sich neu orientieren muss, bevor wieder Bilder auf der Netzhaut haften können.

Berlin Januar 2012
© Anne Ethelberg

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