InnerScapes: Das Kultivieren des Selbst in einer Welt der hohen Geschwindigkeiten
von Manuela Lietti  

Laut den philosophischen Leitsätzen, die dem chinesischen Denken seit Urzeiten, –als Herrscher eher mythologische als historische Gestalten waren – zugrundeliegen, ist die Gesundheit mehr als das bloße Fehlen von Krankheit. Sie ist vielmehr ein leitender  Zustand der Harmonie, der die Lebensführung prägt. Im Klassiker der Medizin IV des Gelben Kaisers heißt es:Das gesunde Leben “sucht die Harmonie, in der Hoffnung, so die geistige Ruhe zu erlangen”. Folglich gilt: “Der mit sich im Frieden lebende Mensch erkrankt nicht.” Weite Teile der chinesischen Gesundheitsphilosophie in den darauffolgenden Jahrhunderten basieren auf dieser so einleuchtenden wie selten zu beobachtenden Maxime. Der Fokus lag eher auf der krankheitsvorbeugenden Kraft eines ausgewogenen und harmonischen Lebens, als auf der krankheitsheilenden Kraft streng wissenschaftlicher Methoden (Bild 1). Der legendäre Gelbe Kaiser, der mit seiner Mischung aus medizinischem Wissen und Populärweisheit einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der chinesischen Medizin leistete, befasste sich mit dieser Balance in seinen Schriften, die in der Einsicht wurzeln, dass der Einzelne nicht eine in sich geschlossene, unabhängig handelnde Entität darstellt. Im Gegenteil: Der Einzelne, sein Körper und seine Organe sind nichts als Widerspiegelungen und Erweiterungen der natürlichen Ordnung des Universums. Jede menschliche Handlung hat das Band zwischen dem Einzelnen und der Außenwelt widerzuspiegeln. Obwohl der Einzelne ein tätiger Akteur und nicht bloß passiver Sinnträger ist, werden die Balance und die von ihr geförderte Gesundheit nur dann bewahrt, wenn der Einzelne im Einklang mit der Außenwelt handelt. Die Krankheit hingegen entsteht genau dann, wenn der Einzelne die Auffassung ablehnt, dass er Teil des Kosmos ist und dessen Gesetzen gehorchen muss. Das vom Einzelnen idealerweise zu erstrebende Gleichgewicht besteht folglich aus zwei Teilen:Einerseits muss man eine Balance innerhalb des eigenen Körpers anstreben, das vollkommene und vereinte Funktionieren eines jeden Teils, andererseits muss man gemäß eines Grundprinzips der chinesischen Kultur – tianren heyi (die Einheit von Mensch und Kosmos) – auch im größeren Zusammenhang die Integration von Mensch und Kosmos anstreben. Den Chinesen zufolge ergibt sich die Balance ebenso aus der Synergie von geistiger und körperlicher Fitness, als auch aus der wechselseitigen Abhängigkeit von inneren und äußeren Kräften. Diese Leitsätze, die dem Zahn der Zeit sowie der Entwicklung der chinesischen Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte trotzen konnten, stellen den Kern der chinesischen Gesundheitsauffassung dar und bieten den heutigen Menschen unterschiedlicher Generationen einen gangbaren Weg der Lebensgestaltung. Mehr als jede andere Zivilisation hat sich das chinesische Volk dem Aufbau eines Wissensgerüsts zum Erhalt der Gesundheit gewidmet. Dabei umfasst das Wissen sowohl das profunde ontologische Ergründen im philosophischen Bereich als auch das praktische Umsetzen im Alltag. Daraus folgt, dass die Pflege und Förderung des Lebens im Einklang mit dem Puls des Universums ein nach wie vor untersuchungswürdiges Thema darstellen. Das Projekt InnerScapes, eine öffentliche Intervention, die spezifisch für die Berliner Asien-Pazifik-Wochen im September 2011 konzipiert wurde, entspringt den oben beschriebenen Auffassungen und möchte als deren visuelle Transposition fungieren, und zwar sowohl philosophisch als auch im Sinne des persönlichen Wohlbefindens. Innerscapes kreist um die fotographische Serie Rising, die die Fotografin Marike Schuurman während ihres Beijing-Aufenthalts 2008 aufnahm. Für die in Holland geborene und in Berlin lebende Fotografin Schuurman ist die chinesische Hauptstadt mitsamt ihrer großstädtischen und anthropologischen Textur kein Neuland. Während ihres gesamten Arbeitsaufenthaltes in China hat sie vielfältige Visionen der stets im Wandel begriffenen chinesischen Megalopolis eingefangen, wobei sie insbesondere die evolvierende Architektur Beijings als Metapher für die condition humaine unserer jetzigen Epoche fokussierte. In der Serie Plots (Bild 2) etwa porträtiert Schuurman einprägsam die vorläufigen, um Bauareale herum aufgestellten Mauern, die mit idyllischen, jedoch unzugänglichen Naturvisionen lyrisch geschmückt werden. Man sieht sie überall in Beijing, sie vermehrten sich besonders im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008. Innerhalb einer sich ohne Kontrolle und Maß entwickelnden Stadt bilden sie symbolische Fluchtwege, vergängliche Grenzen, durch die das Reelle in den Hintergrund tritt und das Ideelle hervortritt. In der Serie Rising, die derzeit in Berlin ausgestellt wird, setzt sich Schuurman erneut mit der Idee des Raumes auseinander, diesmal aber auf subtilere, lyrischere Art und Weise. Der von ihr dargestellte Raum ist nicht der der Großstadt an sich, sondern der geistige Raum, der von den Körpern und Gesten der Menschen geschaffen wird, die zwar die Großstadt leibhaftig bewohnen aber tagtäglich der Hektik der Entwicklung mittels mentaler Stärke und Disziplin entfliehen. Rising besteht aus Farbaufnahmen, die realistisch die älteren Chinesen dokumentieren, wie sie Leibesübungen durchführen, taiqi üben, meditieren und sich bemühen, innerhalb der dicht bevölkerten städtischen Umwelt einen eigenen Raum zu finden. Waren in Plots die Mauern der Bauareale quasi das Amulett, das einen Durchschlupf vom schroff Faktischen (dem Reellen) ins lyrisch Fiktive (das Ideelle) gewährte, so ist es in Rising das im Geist jedes Einzelnen versteckte Energiepotenzial, das es dem Körper, einmal aktiviert, ermöglicht, zum Transportmittel zu werden, mit dem der Einzelne in eine andere Dimension aufbricht. So kreiert das Individuum einen eher dem Geistigen als dem Körperlichen zugehörigen Raum. Die in Schuurmans Fotografien porträtierten älteren Menschen praktizieren genau das, was der Gelbe Kaiser ihren Vorfahren vor Jahrhunderten nahelegte. Sie entdecken die Harmonie sowohl im Mikrokosmischen wie im Makrokosmischen, indem sie wieder zu ihrem wahren Ich und zum Anderen schlechthin, zum Kosmos, finden. Dies ist ja Ergänzung und Voraussetzung der Selbstaffirmation zugleich. Indem sie auf die “Ready-mades” der Äste und Steine, die ihnen die Natur geschenkt hat, zurückgreifen, versammeln sie sich auf den verstreuten kleinen grünen Fleckchen einer Großstadt, die dazu geweiht sind, von einer Beton- und Hochausflut überschwemmt zu werden. Ob in kleinen Gruppen oder alleine wagen es diese Menschen, in einer Großstadt, die unersättlich nach Geschwindigkeit lechzt, ein unerhörtes Verbrechen zu begehen: Innezuhalten, sich umzuschauen, das eigene Lebenstempo zu goutieren. Sie erlangen diesen Zustand, indem sie tief in das eigene Innere hinabtauchen und sich dabei den sozialen wie kulturellen Verpflichtungen und Werten, die Gesellschaft und Kultur vorgeben, entziehen. Sind sie losgelöst vom Universum, so geben sie sich ihrer Endlichkeit hin. Da sie sich aber der Notwendigkeit bewusst sind, zu einem Etwas zurückzufinden, das größer ist als sie selbst, brechen sie zu einer neuen Reise in die Unendlichkeit auf. Ihre Körperhaltungen sind schlicht, dafür aber wohnt ihnen die Natürlichkeit von Gebärden inne, die über Generationen tradiert und verinnerlicht wurden. Sie sind Mantras, die ihre Geistesruhe sowie ihr Behagen bei sich und in der Welt widerspiegeln. Den Protagonisten von Schuurmans Aufnahmen gelingt es, diese Dimension zu erreichen, weil sie die chinesischen Grundsätze von yangsheng (die Pflege des Lebens) durch einen Prozess des Selbstentdeckens praktizieren. Dieser paradoxerweise der Entsagung nahekommende Prozess ermöglicht es dem Individuum, einen Schritt zurück zu treten, seine Vormachtstellung gegenüber dem Universum aufzugeben und sich in einem größeren Ganzen neu zu situieren. Indem sie einen Schritt zurücktreten und es wagen, innezuhalten, machen sie tatsächlich einen Schritt nach vorne. Aus diesem Grund ist die Leibesübung nie ein bloßes Sich-Trimmen (jianshen) oder ein Aufbauen der Körpermuskulatur, wie in den meisten Gesundheitskonzepten des Westens, sondern vielmehr eine Art und Weise, die von der Gesellschaft oder der Zivilisation aufgebürdeten Lasten hinter sich zu lassen und somit das eigene Wesen und die Gesetze der Natur generell zu akzeptieren. 
Ergänzt wird die Serie Rising durch das Ausstellen von Fitnessgeräten, angelehnt an die Geräte, die auf öffentlichen Plätzen in China zur freien, kostenlosen Verfügung stehen, besonders dort, wo Grünflächen fehlen (Bild 3). Die einzelnen Equipment-Teile, die mit den chinesischen Gegenstücken fast identisch sind, sind Beispiele einer gelungenen "kulturellen Entlehnung", die aus China nicht nur ein Produkt, sondern einen modus vivendi (Lebensweise) bzw. ein soziales Verhalten übernehmen, das dazu geeignet ist, in der Lebenswelt des Einzelnen neue Verhaltensmuster zu ermöglichen. Die Geräte, die sowohl funktional als auch höchst skulptural sind, sollen durch ihre hellen, heiteren Farben und ungewöhnlichen, amüsanten Formen die Neugier der Betrachter wecken, die im Idealfall auch zu Nutzern werden. Unmittelbar auf dem Boden installiert, scheinen sie frei und spontan zu sprießen, wie wilde Pflanzen und Blumen. Gleichermaßen wirken sie aber erratisch-fremdartig, wie Objekte von einem anderen Planeten. Aufgrund der Tätigkeiten, die sie repräsentieren, sowie ihrer amüsanten Implikationen, stellen sie ein ausbalancierendes Gegengewicht zu dem höchst meditativen Tenor der Fotografien, die am gleichen Standort ausgestellt werden, dar. Obwohl die beiden Teile der Arbeit beim ersten Blick äußerst disparat, fast antithetisch wirken, wobei die eine Werkgruppe die Introspektion und Kontemplation fokussiert , die andere hingegen um Bewegung und das Stimulieren von Interaktion kreist, haben beide Teile die gleiche Intention. Sie stellen zwei Ansätze dar, ein und dieselbe Thematik anzugehen. Die Geräte bieten mehr als nur die Möglichkeit der Leibesübung an, sie schaffen eine Oase abseits der Hochgeschwindigkeit der Großstadt, einen Ort, wo Menschen trainieren, kommunizieren, Ideen austauschen und die Freiheit genießen können, nur dem eignen Willen und der eignen Zeitauffassung unterworfen zu sein. Während Schuurmans Bilder den Betrachter dazu einladen, in sich selbst hineinzuschauen, um des Wesens des Universums habhaft zu werden, so ermutigen ihn die Geräte vor Ort, aus sich herauszugehen, um ein Kollektivgefühl zu teilen. So entdeckt er wieder ein Zugehörigkeitsgefühl, sei es als Teil einer Gemeinschaft oder als Teil des Universums. Der Mikrokosmos und der Makrokosmos sowie das Individuelle und das Gesellschaftliche teilen das gleiche Spielfeld. Es ist am Betrachter, den Übergang von stiller Kontemplation zu aktiver Teilnahme zu vollziehen.
Beijing  August 2011

Text als PDF