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HELL im Nationalmuseum – MARIKE SCHUURMAN

Die Ausstellung Hell zeigt drei neue Werke der niederländischen Fotografin Marike Schuurman. Ähnlich wie ihre früheren Arbeiten sind sie – mit Ausnahme des Bilds Expired – entstanden als eine Art Recherche der von Menschen geschaffenen Räumen und Landschaften. Schuurmans Herangehensweise kann als dokumentarisch bezeichnet werden, mit einer Vorliebe für absurde Phänomene der Wirklichkeit, wobei sich die endgültigen Bilder oft vom Dokumentarischen lösen. In der Ausstellung Hell scheinen sie sich fast in eine reine Meditation über das Sehen und das Licht gewandelt zu haben – über die etymologische Bedeutung der Fotografie als ein Schreiben mit Licht.

Das gilt insbesondere für die 27-teilige Arbeit Schattendorf, entstanden im norditalienischen Dörfchen Viganella. Im Winter lag es früher völlig verschattet zwischen den Bergen, bis der ehemalige Bürgermeister einen 40 m? großen Spiegel am Bergrand installierte, mit dessen Hilfe das Sonnenlicht jetzt in das Dorf reflektiert wird.
Auf dem Foto Blühender See ist eines der riesigen Braunkohletagebaugebiete in der Lausitz zu sehen, die durch Flutungen zu künstlichen Seen umfunktioniert wurden. Durch einen Aufnahmefehler sieht man diese vernarbte Landschaft hinter gelben, lichtähnlichen Flecken.
Auf Expired dagegen ist keine Abbildung der Welt mehr zu sehen. Es ist das Ergebnis eines veralteten Polaroid-Films, der jedoch immer nocht Licht braucht, wie jedes Lebewesen Sauerstoff, um weiter Bilder produzieren zu können.

Es ist ein Paradoxon, dass der Ausstellungstitel Hell im Deutschen auf Licht verweist, auf etwas Strahlendes, Blendendes, und auf Englisch Hölle bedeutet. Licht und Schatten, Leben und Tod in einem Wort, als Versinnbildlichung des fotografischen Mediums selbst. Jedes Foto weist auf die Katastrophe des Todes hin, schrieb Barthes über die Fotografie. Und Moholy-Nagy in einem seiner frühen Lichtgedichte: „Nichtigkeit, so eitel gleichgesetzt mit Zeit und Raum, umgibt den dunklen Menschen. Nur Licht, totales Licht macht ihn total.“ Fotografie als Gestaltung durch Licht; als ein extra Auge auf die Welt, welches Dinge offenbart, die das gewöhnliche Auge nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen kann. Und als Zeuge der Vergänglichkeit dieser kurz belichteten Wirklichkeit.

Mai 2011
© Anne Ethelberg

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