EN

Marike Schuurman, Etwas ist dazwischen gekommen

Die Ausstellung stellt Werke der holländischen Künstlerin Marike Schuurman (geb. 1964) vor, die während ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in Peking, von Januar bis Juli dieses Jahres, entstanden sind.
In Peking entdeckte die Künstlerin eines ihrer Themen neu: Plots, also Folien, die im Stadtraum vor Fassaden oder Baustellen hängen und deren Motive die Stadtlandschaft temporär verändern. In ihrer Heimatstadt Berlin dienen sie als Werbeflächen, als vorweggenommenes Ergebnis einer Baustelle, oder als architektonische Vision eines Straßenzuges.
Die Plots Pekings – zahlreicher angesichts der Bauarbeiten gegen Wohnraumnot und in Vorbereitung der Olympischen Spiele – bilden Naturmotive ab: Bäume, Sträucher, Grünflächen. So suggerieren sie Ruhe und intakte Landschaften dort, wo eigentlich Krach und Dreck das Stadtbild prägen. Des weiteren fällt die Konstruiertheit der Fotos auf. Gespiegelte Parks, sich wiederholende Busch- und Blumenmotive sind zu künstlichen Landschaften wie Collagen zusammen gesetzt. Fast wirken die Pflanzen wie in eine Modelleisenbahnlandschaft hinein geklebt.
Marike Schuurman spürt diesem Phänomen auf - und macht es für uns sichtbar, ohne dabei wertend Stellung zu nehmen. Ihre Fotos zeigen das Nebeneinander von echten Bäumen und abgebildeten, von real existierender und lediglich suggerierter Architektur, letztlich die gleichzeitige und -wertige Existenz von Original und Simulation.
Diese Verschiebung von Realitätsebenen gleicht einem Placebo, das sich selbst enttarnt, was in der hektischen Lebenswelt einer aufstrebenden Metropole jedoch nicht wahrgenommen wird: die gespannten Folien mit Landschaftsmotiven sind gleichwertiger Bestandteil der Stadtarchitektur wie Häuser, Straßen, sogar Menschen.

Das Foto Beijing 1 zeigt auf Plots gesprayte Anzeigen (Nummern), die mit brauner Farbe übermalt sind. Hier findet eine doppelte Verschleierung statt: Ebenso wie die Folie mit dem computer-generierten Bild einer Landschaft den Blick auf eine Baustelle verstellt, so wurde die Telefonnummer des Werbenden überstrichen.
Bei der Fotoprojektion eines auf der Straße schlafenden Mannes, Citysleeper, hat die Fotografin einen intimen Moment festgehalten, der sich mitten im Verkehr ereignet. Ein Mann hat sich an einer willkürlich gewählten Stelle auf dem Bürgersteig hingelegt, um kurz auszuruhen. Dabei dient ihm eine Plastikfolie, die er vermutlich gefunden hat, als Unterlage.

Es scheint, als haben sich die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgelöst. Grenzen und Unterschiede verschwimmen in unserer Wahrnehmung immer mehr und Marike Schuurman konfrontiert uns in ihren Werken mit der Frage, in welcher Realität wir eigentlich leben.
Elke Giffeler
2008

Text als PDF