DER RAUM IN EINEM FOTO

"Ich möchte durch die Fotografie eine andere Realität sichtbar machen, innerhalb der Wirklichkeit, die uns umgibt"
(Marike Schuurman)

In den vergangenen Jahren fotografierte Marike Schuurman große Plakate, angebracht auf Gerüstnetzen vor Baugruben oder vor Fassaden, die renoviert wurden. Ihr fiel auf, wie dieses Phänomen an ihrem Wohnort Berlin immer beliebter wurde. Überall in Berlin sieht man mit einem Mal diese Megaplakate, die die Sicht auf ein leeres Stück Stadt oder eine Baustelle verdecken. Zu sehen sind darauf riesige Abbildungen, etwa ein Reklamebild oder ein Foto des Bauwerks, das an dieser Stelle in absehbarer Zeit entstehen wird. Es gibt aber auch Darstellungen ohne Absender, bei denen man sich fragt, wessen Fantasien hier wohl abgebildet sind: ein Stück Schnellstraße mit Küstenlinie etwa, ein Stadtviertel vorm Horizont.
    Mit dieser jüngsten Fotoserie, die den Titel Plots trägt, scheint Marike Schuurman einen neuen Weg eingeschlagen zu haben. Bei früheren Arbeiten hat sich Schuurman als Künstlerin mit ausgeprägtem Sinn für die Leere im Stadtbild erwiesen. Jemand, der auch in der alltäglichen Nichtigkeit noch ein vortreffliches Motiv mit unerwarteter Spannung finden kann. Bei der neuen Fotoserie bleibt diese Leere allerdings verborgen, den Blicken entzogen.
    Bei den Plots geschieht etwas anderes mit den Fassadenplakaten als es der Fall ist, wenn man bei einem Spaziergang selbst auf sie stößt. Sie sind ein Motiv, das die Fotografin näher heranzoomt, die Gesamtdarstellung einschränkend. Das Ergebnis sind Fotos, die perspektivisch aus dem Gleichgewicht geraten sind, die Glaubwürdigkeit des Dargestellten erscheint fraglich. Knitterfalten am blauen Himmel etwa weisen darauf hin oder Nähte, die sich durch eine Baumgruppe hindurch ziehen. Es stimmt etwas nicht mit diesen Fotos. Doch sind es, genau wie Schuurmans ältere Aufnahmen, solide Darstellungen, wenn es um Form und das Gefühl für große Linien geht. Was die Plots außerdem mit ihren früheren Arbeiten verbindet, ist, dass sie Raum thematisieren, die räumliche Wirkung, die mit Hilfe der Fotografie hervorgerufen werden kann. Im Falle der Plots spielen Fake-Räume eine Rolle, und diese machen die Arbeiten andersartig und verwirrend. Das Aufgenommene sieht aus, als könne es nicht wahr sein, obwohl die Fotos ganz normal auf der Straße aufgenommen wurden. Nichts an ihnen ist inszeniert. Aber die Wirklichkeit, die Marike Schuurman vorgefunden hat, wurde in Szene gesetzt.

    "Dadurch, dass diese überdimensionalen Fotoplakate mit einem Teil der sie umgebenden Wirklichkeit  fotografiert sind, scheint die Welt aus einzelnen Bildfragmenten zu bestehen: eine Art Kollage -  die Welt wurde mit Photoshop bearbeitet. Wie weit kann man das fortführen? Kann man eine Stadt erschaffen, die nur aus Fotografien besteht? "

Eigentlich handelt das Werk von Marike Schuurman immer von Fotografie. Mit welcher Wirklichkeit hat man es in dem Moment zu tun, in dem man ein Foto betrachtet? Diese Frage spielt bei ihren jüngsten Stadtansichten, aber auch bei früheren Arbeiten der Künstlerin eine Rolle. Ein Foto ist für sie nicht wegen seiner Ähnlichkeit mit der Realität interessant, sondern gerade wegen der Unstimmigkeiten mit der Wirklichkeit. Wenn Fotografie gut ist, offenbart sie etwas, dass man ohne Kamera so nicht wahrgenommen hätte.
    In der Serie Plots sieht man eine Wirklichkeit mit Schweißnähten und Verschiebungen, in der von realer Tiefe kaum noch die Rede ist. Wird diese Tiefe auch suggeriert, erscheint doch gleichzeitig das Abgebildete in einer einzigen Dimension. So muss es auch sein, findet Schuurman. Dies ist, was Fotografie vermag. Für die Künstlerin ist ein Foto dann gelungen, wenn das Medium das Bild prägt, eine eigene Realität kreiert, anstatt als neutrale Wiedergabe zu fungieren.
    Vor einigen Jahren fotografierte die Künstlerin eine Einkaufsstraße in Gent, in der an den Hausfassaden große Spiegel befestigt sind. Die Fotos sind beeindruckend in ihrer monumentalen Einfachheit. Verträumte Bilder, mit minimalem Formgefühl und einem besonderen Auge für den Ausschnitt. Dieses Zusammenspiel gibt den Bildern eine kraftvolle Ruhe. Aber auch hier stellen sich Fragen: Worauf schaue ich eigentlich? Was haben die Spiegel dort zu suchen? Mit Hilfe einer technischen Kamera konnten die Fotos so in Szene gesetzt werden, dass die Fotografin selbst außerhalb des Bildes bleibt.
    Als Motive vieler Fotos wählt Schuurman die Stadt, doch ist von städtischer Hektik nichts zu spüren. Nur für ihre frühen Arbeiten hat sie Menschen abgelichtet, aber auch hier kann man nicht von großer Geschäftigkeit sprechen. Meist sind eine einzelne oder mehrere Figuren zu sehen, die in einem Moment aufgenommen wurden, in dem sie verharren, in einer unterbrochenen Aktion. Die Künstlerin isoliert die Figuren im räumlichen Umfeld, so dass sie dem Betrachter ins Auge springen. Fotografien, bei denen die Stadt einen Augenblick still zu stehen scheint. Oder bei denen ein Sujet mit dramatischem Potential entsteht. Innerhalb der Leere des Dargestellten entdeckt man nach und nach Details, die dem Bild Spannung verleihen, die dem Auge Nahrung geben, die die Suggestion einer Geschichte vorantreiben.

Im Jahre 2003 fotografierte Marike Schuurman in der Schorfheide. Das ehemalige Militärgebiet nahe Berlin ist eine verlassene Gegend, aus der die russische Armee nach dem Mauerfall abgezogen ist. Die Gebäude sind verfallen und bieten ein gefundenes Fressen für die Natur und Vandalen, die dort Partys feiern. Bei ihren Fotos hat die Künstlerin sich auf Details konzentriert. Es ging ihr nicht darum, eine dokumentarische Übersicht festzuhalten, sondern die visuell paradoxe Situation, die sie vorfand.
    Beispielsweise die Nahaufnahme eines weiß gekalkten Mauerstücks, das am Straßenrand steht. Irgendwann einmal fungierte es als Träger einer politischen Botschaft. Jetzt ist die Mauer weiß und steht auffallend nutzlos herum. Anderswo auf dem Gelände hielt die Künstlerin eine eingeschlagene Fensterscheibe gegen dunkelblaues Licht fest. Ein erklärender Kontext ist nicht auszumachen. Man sieht einzig die zerbrochene Scheibe und erahnt dahinter die schwarze Tiefe. Genau genommen hätte dieses Foto auch irgendwo anders aufgenommen sein können.
    Bei einem Aufenthalt in Finnland machte Schuurman eine Serie von Schneefotografien. Auch hier findet sich kein Hinweis auf einen Zusammenhang, sondern ein frontaler Blick aus nächster Nähe, der eine bemerkenswerte Eindringlichkeit herbeiführt. Autos, die fast gänzlich unter hohem Schnee verschwinden. Fallende Schneeflocken gegen einen dunklen Abendhimmel. Schnee, dargestellt in allerlei Nuancen und ohne ersichtlichen Kontext. Man könnte denken, Schnee sei kaum ein geeignetes Motiv, und doch gibt es auf diesen Fotos viel zu sehen. Die Fotografin beweist hier abermals ihren natürlichen Sinn für die Schönheit, die in Trivialem verborgen liegt. Sie hat sich diesem Motiv angenähert, als würde es im Wege stehen. Das gilt für die Schneefotos genauso wie für die Fassadenplakate, die sie gerade in Berlin aufgenommen hat. Motive, um die man nicht herumkommt.
    Marike Schuurman arbeitet in Serien, bei denen die Thematik zwar mit den Jahren divergiert, die dahinter verborgenen Absichten einander aber letztlich doch entsprechen. Am Anfang steht oft ein Interesse für einen Ort. Mit geduldigem Auge schaut die Künstlerin sich um, bis sie etwas entdeckt, das auffällt, etwas, dass aus dem Straßenbild hervorsticht. Vielleicht, weil es schön ist und absurd, unglaubwürdig oder auf andere Weise das Auge auf sich zieht. In der Kamera findet sie ein Instrument, um diesen unerwarteten Aspekt zu isolieren und das Wahrgenommene festzuhalten. Sie zeigt etwas, an dem andere vorbei laufen und stellt es in einen Raum, der nur fotografisch vollkommen wahr ist.

Jurriaan Benschop
(c) 2007
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
    
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