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Die manipulierte Wirklichkeit

Die holländische Künstlerin Marike Schuurman arbeitet seit mehreren Jahren mit Fotografien und Videos, die die Wirklichkeit anscheinend dokumentarisch abbilden, aber viel mehr als reine Dokumentation sein wollen. Eher kratzen ihre Bilder an der Oberfläche der alltäglichen Realität und rufen hierdurch kleine Brüche und Irritationsmomente hervor, die unsere gewöhnliche Sicht auf die Welt herausfordern. In einer bewussten Erforschung des Mediums Fotografie und der Fähigkeit dieser, die Wirklichkeit dokumentarisch festzuhalten und gleichzeitig zu verrücken, sucht sie diese Ambivalenz auch in den umgebenden Räumen, als eine Art Spiegelwirkung zwischen Medium und Lokalität.
Dies war auch der Fall in der Ausstellung Werbung, welche im Oktober 2006 im Kunstraum Autocenter in Berlin zu sehen war. Schuurman nutzte hier die große Endwand um eines ihrer Fotos im Großformat zu zeigen - ein Format, das an sich die Wahrnehmungsfähigkeit des Zuschauers herausfordert. Was auf den ersten Blick an eine von oben geschossene Fotografie von Ground Zero in New York erinnerte schien beim näheren Betrachten unverständliche Details zu bergen: Als Betrachter wunderte man sich, wie die Künstlerin dieses Bild gemacht haben konnte, oder warum es abgegrenzt war von etwas, das wie abblätternde Mauern aussah. Rein visuell hatte die große, dunkel grobkörnige Fläche und ihre Wiedergabe des bekannten Ortes und dessen geahnte Umgebung von Straßennetzen und Häuserblöcken etwas beklemmendes; und gleichzeitig ahnte man als Zuschauer, dass es hier nicht nur um gefühlsmäßige Betroffenheit ging.
Das Bild war die Wiedergabe einer Wiedergabe, ein Foto von einem Foto, das in einer dokumentierenden Ausstellung im neu geschaffenen U-Bahnhof am Ground Zero gezeigt wurde - eine Erinnerungsaufnahme aus den ehemaligen WTC-Türmen vor Angriff und Zusammensturz. Durch die Linse Schuurmans wurde die Überlagerung von Touristen-Snapshot und heruntergekommender Ausstellungsumgebung zu einem melancholischen Bild des Verfalls, und gleichzeitig erinnerte es an die zahllosen Reproduktionen des spektakulären Anschlags, welche seit 2001 um die Welt gegangen sind, und den gerade dadurch veränderten Blick auf Ort und Vergangenheit.
Dieses Spiel mit verschiedenen Realitätsschichten spiegelte auch die Motive und Themen der restlichen Ausstellung. Auch hier ging es um Fotos, die ohne ihre Motive zu inszenieren, die Realität als inszeniert zeigte - verstärkt durch den allgegenwärtigen Bilderboom der Werbung. In einer Serie von Fotos hatte Schuurman so eine kulissenhafte Stadtlandschaft festgehalten, in der Gebäude Renovierungen unterzogen werden, um ein neues Gesicht zu bekommen - und während dessen mit dem Gesicht der Werbung oder der zukünftigen Fassade zugedeckt werden. Einige Bilder zeigten Bürohäuser, die zum Teil hinter originalgetreuen Kopien ihrer selbst dastanden. Erst durch ein penibles Betrachten konnte man die feinen Linien der Planen aufdecken, und dennoch blieb der Blick ständig pendelnd, zwischen Trompe-l'oeil-ähnlichen Illusion und nüchternem Geschäftsalltag.     Auf den Fotos von riesigen Werbeplanen wurde dieser kulissenhafte Effekt noch einen Schritt weitergeführt. Die Bilder zeigten Teilgerüste, welche räumlich verschoben und mit exakten Ausschnitten des dahinterliegenden Gigaprints des Hauptgerüsts versehen wurden. In Schuurmans Bildern löste dieser Versuch, die Werbeillusion weiterzuführen, einen Effekt nicht unähnlich dem eines Spiegelkabinetts aus: Als wenn das Drittel eines gigantischen Damenbeins plötzlich mit dem Flicken eines anderen Beins ersetzt war; eine fast chirurgische Bildkomposition, die sich als visuelles Statement über ein ganzes Gebäude erstreckte.
Wenn Schuurmans Fotos die Ebenen des Alltäglichen öffnen und so unsere (räumlichen) Gewohnheiten ins Schwanken bringen, werfen sie eben gleichzeitig auch kritische Fragen zur Nutzung des öffentlichen Raumes auf. Die Einnahme von Platz im Stadtraum ist immer auch eine symbolische und konkrete Demonstration von Macht gewesen, z.B. das Bauen imposanter Bauwerke oder die Inszenierung öffentlicher Aufzüge, und auch die gigantischen Werbeplanen können als Demonstration der gegenwärtigen Macht globaler Firmen gesehen werden. In Schuurmans Arbeit erscheint diese Macht auch als die Macht, Fantasie und Realität zu vermischen, als eine tricky Manipulation der physischen Umgebung in einer Art Photoshop der Wirklichkeit.

Anne Ethelberg 2006

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